Patient Gesundheitssystem

ÜBERREGIONAL

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„Wann wachen unsere ‚Volksvertreter‘ endlich auf/bzw. werden mal aktiv!? Seit WOCHEN ist es nicht nur die Ausnahme, sondern die Regel, dass Krankenhäuser oder Stationen komplett ABGEMELDET werden …und bitte ja nicht auf die Grippewelle schieben! Das hat mit Engpässen NIX mehr zu tun!!! Langsam kommt ans Licht dass unser ‚weltweit viel bewundertes Gesundheitssystem‘ selbst TODKRANK ist!!! Nur mal aktueller Stand von heute Nacht -> abgemeldete Krankenhäuser (teils komplett/ teils bestimmte Fachrichtungen): Donauwörth, Neuburg, Nördlingen, Oettingen, Aichach,  Wertingen und Dillingen……wohin sollen wir vom Rettungsdienst unsere Patienten bringen, wenn im Umkreis von 40 km die ‚Häuser der Grundversorgung‘ nicht aufnahmefähig sind!?!?!?“

Diese Zeilen klingen nicht nur nach Hilferuf, sondern nach schierer Verzweiflung. Es war auch dieser Facebook-Post eines Rettungssanitäters vom 06.03.2018, der uns veranlasste den „Patient Gesundheitssystem“ in unserer Region etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Schnell kommt man dabei ins Grübeln was denn wäre, wenn man gerade selbst Patient in einem Rettungswagen ist, dem keine Anlaufstelle zur Verfügung steht?

Umfrage gestartet

Kurzerhand haben wir eine Umfrage auf unserer Facebook- und unserer Internetseite erstellt, bei der uns anonym von Betroffenen im Gesundheitssektor geschildert werden konnte, wie deren Empfinden der aktuellen Situation ist. Nur so konnten wir uns sicher sein, offene und ehrliche Schreiben zu erhalten. Beim Lesen der vielen Berichte, die uns erreichten, sträubten sich uns die Nackenhaare. Wir wussten, dass die Situation mehr als angespannt ist, was wir jedoch alles zu lesen bekamen, würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Wir haben die anonymisierten Aussagen anschließend den betroffenen Trägern und Krankenhäusern per E-Mail mitgeteilt, um auch deren Sichtweise zu hören. Nicht alle haben uns zurückgeschrieben, beziehungsweise erst gar nicht geantwortet. Die Namen aller Personen, die uns geschrieben haben und deren Sichtweise wir hier widergeben, wurden geändert und frei zugeteilt.

Bezirksklinik Günzburg

Heinz, der in Günzburg arbeitet, tut dies nach eigenen Aussagen sehr gerne, wenn es auch anstrengend ist. Einen Aufnahmestopp gebe es hier bisher nicht. Das Gegenteil sei der Fall, immer mehr Patienten würden eingeliefert – zu Lasten der Betreuung. In Günzburg werden vor allem psychisch Erkrankte behandelt. Diese brauchen in der Regel eine intensivere Betreuung auch in Form von Gesprächen, die in anderen Krankenhäusern nicht in dem Maße nötig seien. Fakt sei, dass genau diese Zeit fehle, erklärt er uns. Neben dem herkömmlichen Vier-Schichtbetrieb würde zu Engpasszeiten, zum Beispiel durch Krankheitsausfälle, auch mal von 07:00 – 20:30 Uhr mit 3,5 Stunden Mittagspause gearbeitet werden. In der Regel sei man in der psychiatrischen Abteilung der Klinik mit vier examinierten (ausgebildeten) Kräften aufgestellt. Vor kurzem sei er aber auch bei voller Bettenbelegung (zwischen 20-30 Patienten) alleine im Dienst gewesen.

Den aktuellen Zustand sieht Heinz sehr kritisch, auch wenn es auf anderen Stationen „noch deutlich schlimmer zugehe“, vor allem auf den „beschützten Stationen“. „Unterbesetzung ist an der Tagesordnung. Mich persönlich macht die Situation äußerst unzufrieden“, erklärt er uns weiter.

„Ich gehe eigentlich jeden Tag mit dem Gefühl nach Hause keinem meiner 32 Patienten gerecht geworden zu sein. Klar kümmere ich mich um denjenigen, der gerade im Moment meine Unterstützung braucht. Aber wie soll ich bei zwei Pflegekräften die anderen 30 genauso gut versorgen, wie diesen einen, der im Moment mehr Zuwendung braucht? Das ist einfach unmöglich. Patienten sagen teilweise, sie trauen sich nicht uns anzusprechen, weil wir immer am Rennen sind und sie uns nicht stören wollen.“

„Nur“ Grippewelle schuld?

Aber war es zum Zeitpunkt unserer Umfrage (Anfang März) „nur“ die momentane Grippewelle, die unser Gesundheitssystem aushebelte? „Der Personalmangel liegt meiner Meinung nicht an der Grippewelle. Dadurch ist er gerade nur noch akuter als zuvor schon. Der Beruf wird einfach nicht attraktiv genug gemacht. Welcher junge Mensch, der frisch aus der Schule kommt, arbeitet freiwillig an Wochenenden – gerne auch mehrere hintereinander – an Feiertagen, nachts? Da hat man doch lieber einen 5-Tage-Woche-Beruf und am Wochenende Zeit für Freunde und Familie.“ Dass es also nicht nur an der Grippewelle liegen kann, so sehen es Heinz und auch der Rettungssanitäter, der seinem Ärger auf Facebook Luft machte. Ines Lehmann, Pressesprecherin des Klinikums Augsburg, meint: „Von einer simplen Grippewelle zu sprechen, wird der Situation sicher nicht gerecht. Immerhin gab es mit 22.000 Influenza-Fällen in Bayern rund ein Viertel mehr als im Jahr 2017. Auch war zu lesen, dass deutschlandweit 300.000 Menschen an der Grippe erkrankt waren, 971 Menschen starben daran. Gleichzeitig hat die Grippewelle auch Ärzte und Pflegende erfasst und zu Patienten gemacht. Zeitweilig waren am Klinikum Augsburg von zirka 2.500 Ärzten und Pflegenden fast 350 erkrankt. Zudem spüren auch wir den Pflegenotstand, insbesondere im Intensivbereich.“

Wenn sich keiner bewirbt

Vor allem beschäftigt Heinz folgende, hoffentlich nie eintreffende Situation: „Angenommen ich habe zwei Notfälle auf meiner Station während ich alleine bin. Ein Patient hat zum Beispiel einen epileptischen Anfall, der andere Patient Atemnot. Was soll ich denn dann alleine tun? Für beide Patienten kann das lebensbedrohlich sein! Wer haftet für die eventuellen Folgen? Ich? Weil ich mich nicht zweiteilen kann, der Arbeitgeber, weil er nicht genügend Personal einstellt? Wie auch, wenn sich keiner bewirbt?! Wie geht mein Leben weiter – und ich meine nicht nur beruflich – wenn ich in so einer Situation einen Patienten verlieren würde? Ich möchte nicht dran denken…“
Gedanken eines Einzelnen? Und was geht Ihnen als möglicher Patient jetzt durch den Kopf?

Johannesheim Meitingen

Klara hat sich entschieden, im Johannesheim Meitingen in Teilzeit zu arbeiten: „Ich möchte den Stress einfach nicht mehr. Auch hier gehen einige bald in Rente. Viele werden aktuell schwanger und sofort ausgestellt.“ (Anm. der Redaktion: In Berufen, in denen werdende Mütter einem hohen Gesundheitsrisiko, wie Infektionsgefahr oder körperlichen Anstrengungen, ausgesetzt sind, können Ärzte zum Schutz Schwangerer nach Auslegung des Mutterschutzgesetzes ein sofortiges Beschäftigungsverbot aussprechen). Im Heim fehle es vor allem an Fachkräften. Bewerbungen blieben allerdings auch hier aus. Und genau das ist das Problem. Viele gehen – samt Erfahrung und Know-How, aber keiner kommt nach. „Es bringt nichts, ungelernte Leute zu holen. Wir brauchen fleißige, neue, junge Leute, die diese Ausbildung tatsächlich wollen.“ Eine zweimalige Anfrage unsererseits an den Heimleiter zur aktuellen Situation blieb bisher unbeantwortet.

Casa Reha, Augsburg-Lechhausen

Herta, einst im Casa Reha beschäftigt, erzählt uns während ihrer Zeit vor Ort in Augsburg-Lechhausen. Dort war sie nur kurze Zeit, etwa ein viertel Jahr lang, beschäftigt. Das genügte jedoch vollkommen: „Es war das wirklich Schlimmste, was ich je erlebt habe. Wir waren morgens normalerweise zu dritt für 23 pflegebedürftige Menschen – und zwar alle 23 pflegebedürftig! Allerdings gab es so einen enormen Personalmangel, dass an vielen Tagen nur ein bis zwei Fachkräfte für vier Stockwerke zuständig waren! Wenn wir mal zu dritt waren, dann mussten wir oft auch das Frühstück komplett vorbereiten, weil die Küchenkraft nur in Teilzeit angestellt war. Das bedeutete, dass ein Helfer dann seine ganze Schicht in der Küche verbrachte. Schließlich mussten Brote geschmiert werden, abgespült, aufgeräumt, Zwischenmahlzeiten, Mittagessen und so weiter. Dann waren wir nur zu zweit in der Pflege.“

Als Fachkraft hatte Herta circa 15 Wunden zu versorgen, die täglich verbunden werden mussten. „Ich hatte meistens aber keine Zeit dafür. Habe es dann dem Spätdienst weitergegeben, der jedoch auch keine Zeit hatte. Also wurden die Leute kaum gewaschen und Wunden fast nie verbunden. Auf die Dokumentation wurde aber geachtet. Diese musste stimmen. Das war das Wichtigste. Was mit den Bewohnern ist, war denen egal. Ich habe mich in dieser Zeit oft für die Bewohner eingesetzt, aber ohne Erfolg. Die Dokumentation war wichtiger. Fortbildungen für Mitarbeiter waren wichtiger.

So soll es auch im Casa Reha immer weniger Personal gegeben haben; viele kündigten. Von zahlreichen Krankmeldungen wird uns berichtet, „weil sie es nicht mehr ausgehalten haben“. Auch Mobbing-Vorwürfe seitens der Personaldienstleitung äußert Herta. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Kurz bevor sie die Einrichtung verließ, sollen dort mehr Leiharbeiter gearbeitet haben, „als ich je irgendwo anders gesehen habe. Und es waren trotzdem viel zu wenig Mitarbeiter.“ Den Chef erlebte Herta nur eine Woche lang, nachdem sie eingestellt wurde. Danach soll er einen Hörsturz gehabt und nicht mehr wieder gekommen sein. „Das ganze Haus war führungslos.“

Unsere Anfrage zu unserer Recherche und den geschilderten Vorwürfen, gerichtet an die CASA REHA Holding GmbH mit Hauptsitz im hessischen Oberursel, blieb bis heute (11.05.2018) trotz Erinnerungsmail leider unbeantwortet.

Zentralklinikum Augsburg

Veronika arbeitet im Zentralklinikum in Augsburg: „Ich sehe von Tag zu Tag, wie unzufrieden das ganze Team ist, jeder zweite überlegt zu kündigen oder sich versetzen zu lassen. Und das nicht erst seit gestern!“ Binnen sechs Jahren, sollen es an die 100 Mitarbeiter gewesen sein, die von der Abteilung gegangen sind. Weh tut vor allem der Weggang „Alteingesessener“, die viel an Erfahrung mitnehmen. „Das ist mehr als schade und auch schlimm, weil so natürlich enorme Qualität flöten geht, die junge, neue Kollegen, größtenteils frisch aus der Schule, niemals mitbringen können!!“, weiß Veronika.

Schwund und Unerfahrenheit

Ihrer Meinung nach gibt es zwei große Baustellen: Zum einen der große Wechsel und Schwund beim Pflegepersonal, „weil wir aufgrund Pflegemangels einfach nur ‚verbraten‘ werden, ständig Leute krank sind, für die man wieder einspringen muss, und so weiter. Zum anderen VERDAMMT viele, auch unerfahrene Ärzte!!! Zwei Komponenten, die nicht vertretbar sind! Ich kann nicht eine junge, unerfahrene Pflegekraft und einen jungen Arzt, frisch vom Studium, zusammenarbeiten lassen!“, kritisiert sie und belegt dies mit einem eindrucksvollen Beispiel, das sich vor wenigen Wochen so zugetragen haben soll: „Ein Patient musste zu einer Untersuchung und war an der Beatmungsmaschine angeschlossen. Eine junge Ärztin und ich brachten den Patienten dort hin. Plötzlich, mitten auf dem Gang, alarmiert der Monitor, dass der Patient keinen Sauerstoff mehr bekommt – er atmet nicht mehr! Dies kann in dem Moment viele Ursachen haben. Im Endeffekt muss man versuchen, ihn von Hand zu beatmen, bevor das Herz stehen bleibt. Ungelogen die Aussage der Ärztin: ‚Oh Gott, was soll ich tun, soll ich Hilfe holen?‘ Ein Glück wusste ich, was zu tun ist und wir haben die Situation nochmal in den Griff bekommen – das Beatmungsgerät war defekt. Wäre hier eine noch unerfahrene Pflegekraft mit dabei gewesen, wäre der Patient eventuell gestorben! Die Pflegekraft verlässt sich natürlich auf den Arzt. Warum sonst fährt bei solchen Patienten wohl ein Arzt mit?“

Veronika befürchtet mit dem Kommen der Uniklinik noch mehr junge Ärzte, „die, auf gut Deutsch, im Weg rum stehen“ und nicht handlungsunfähig sind. „Ich habe Angst davor! Es ist jetzt schon untragbar und unverantwortlich! Wenn die Pflegekraft schon sagen muss, was zu tun ist, weil der zuständige Arzt es nicht weiß oder nicht kann. Das ist fahrlässig!“

Dass die kleinen Krankenhäuser überfüllt sind und keine Patienten mehr aufnehmen können, dafür hat Veronika sogar Verständnis. Das Problem: „Patienten werden weitergeschickt in das ‚tolle‘ Haus der Maximalversorgung, das auch aus allen Nähten platzt und kein ausreichendes Personal hat!“

Nervenkostüm beidseits immer dünner

Alle Faktoren zusammengenommen, wird das Nervenkostüm bei den Angestellten nachvollziehbar immer dünner – ungewollt auch zu Lasten der Freundlichkeit Patienten gegenüber. Veronika bringt es auf den Punkt: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen und aufhören soll. Diese Beispiele sind nur Tropfen auf den heißen Stein. Es spitzt sich immer mehr zu, immer mehr kündigen, sind einfach am Ende. Man läuft sich die Füße wund, weiß nicht wo oben und unten ist. Der Kampf um freie Bettenplätze ist enorm! Unser ganzes Gesundheitssystem ist am Zusammenbrechen! Es spielen so viele Faktoren mit rein – die schlechte Bezahlung für die Leistung, die wir bringen. Man muss froh sein, wenigstens ein freies Wochenende im Monat zu bekommen, permanent abrufbereit sein, einspringen. Dann die zuvor erwähnten unerfahrenen Ärzte, unverschämte Angehörige, die einen noch blöd anmachen oder mit dem Anwalt drohen, wenn man nicht sofort zu ihrem Angehörigen kommen kann, weil nebenan ein Patient stirbt oder auf dem Boden liegt und diejenigen, die nachts um 03:00 Uhr ins Krankenhaus gehen, weil sie keine Lust haben, beim Hausarzt zu warten. Wirklich – es ist untragbar.“

Pflegekräfte aus dem Ausland – die Lösung?

Bald, erzählt uns Veronika, soll dem Personalmangel am Zentralklinikum mit Pflegerinnen und Pflegern von den Philippinen entgegengetreten werden. Bei Ines Lehmann am Klinikum Augsburg nachgefragt, ob dies mangels ausreichender Sprachkenntnis – gerade im Gesundheitsbereich – nicht eher Risiken berge und dadurch auch eher Personal binde, welches mehr kontrollieren müsse, weist sie uns darauf hin: „Aufgrund des flächendeckenden und auch in den kommenden Jahren andauernden Fachkräftemangels im Pflegesektor müssen wir uns der Notwendigkeit stellen, Fachkräfte aus dem Ausland zu akquirieren. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir unserem Anspruch an Pflege und Betreuung weiter gerecht werden wollen. Selbstverständlich unterliegen auch die ausländischen Pflegekräfte den allgemeinen Qualifizierungsrichtlinien, die Pflegepersonal berechtigt, am Patienten zu arbeiten. Unter anderem regelt dies die Anerkennungsgenehmigung. Ein entsprechendes Sprachniveau ist eine der Grundvoraussetzungen, um direkt und eigenständig am Patientenbett arbeiten zu dürfen.“

Verantwortlichen oft selbst die Hände gebunden

Selbst die Mitarbeiter sehen es: Der Arbeitgeber kann nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Es fehlt schlicht auch an Bewerbungen qualifizierter Arbeitskräfte. „Pflegestellen, die besetzt werden sollen, können es nicht, weil es keine verfügbaren Pflegekräfte, insbesondere im Intensivbereich, ‚auf dem Markt‘ gibt. Gleichzeitig tun wir als Klinikum eine ganze Menge, um die Pflegekräfte zu halten, die wir haben, und als Arbeitgeber attraktiv zu sein. So haben wir eine Berufliche Kommission und Task Force Pflege gegründet, die Maßnahmen zur Entlastung der Pflegenden identifiziert. Wir stellen beispielsweise Stationsassistenten ein, die den Pflegekräften zur Hand gehen. Und wir haben strukturelle Verbesserungen vorgenommen“, berichtet uns Ines Lehmann von den Herausforderungen und Gegenmaßnahmen am Klinikum Augsburg.

Kollaps des Systems

Sonja Greschner, Betriebsdirektorin der Kreisklinik St. Elisabeth in Dillingen (Donau), nimmt vor allem die Politik in die Pflicht: „Gesundheitspolitik muss Top-Thema sein. Wir brauchen positive Perspektiven für die Krankenhäuser. Es wird langfristig zum Kollaps des Systems kommen, lässt sich aber nicht zeitlich prognostizieren, denn es hängt von den weiteren politischen, ökonomischen (hier die Finanzierungsmodelle) und gesetzlichen Rahmenbedingungen ab.“

Lehmann ergänzt: „Die Politik muss Maßnahmen ergreifen, um insbesondere den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten. Er muss besser bezahlt, der Handlungsspielraum eines Pflegenden muss ausgeweitet werden, zum Beispiel im Hinblick auf die Wundversorgung, die Diabetesberatung oder etwa bei Heilverordnungen.“

Und die Politik?

Fabian Mehring Freie WählerFabian Mehring, Kreisrat und Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Landkreis Augsburg, hat noch am gleichen Tag des Facebook-Posts, der auch uns zur Recherche bewegt hat, reagiert. In einer Pressemeldung und einem „Brandbrief“ an Landrat Martin Sailer und Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl, die dem Verwaltungsrat des Augsburger Klinikums vorstehen, schreibt er: „Wenn unsere Rettungsdienste im Umkreis von 50 Kilometern kein Krankenhaus mehr anfahren können, kann das für die Menschen in unserer Heimat lebensgefährlich werden. Außerdem kollabiert die Notaufnahme im Zentralklinikum, wenn sie zur einzigen Anlaufstelle in vier Landkreisen wird… Wer einen Notarzt ruft, braucht schnelle Hilfe und hat schlichtweg keine Zeit, um Reise nach Jerusalem zwischen sämtlichen Notaufnahmen der Region zu spielen“, wird Mehring deutlich. Stattdessen fordert er eine 180-Grad-Wende der Bundespolitik bei der Krankenhausfinanzierung: „Es genügt nicht, seit Monaten in Berlin um Posten zu schachern, während Zuhause die Grundversorgung zusammenbricht“, kritisiert Mehring.

Ein langfristiges Umdenken muss einsetzen: Zur Verbesserung der Situation gehört seiner Meinung nach auch eine „fundamental bessere Bezahlung des Pflegepersonals“, aber auch ein Umdenken in der Bevölkerung: „Wenn Piloten oder Lokführer streiken nimmt ganz Deutschland Anteil, weil einige nicht von A nach B kommen. Wenn man nicht genügend Pflegepersonal hat, kommen Kranke aber nicht einmal vom Bett zur Toilette. Hieran sollte eine gesunde Gesellschaft zuerst denken“, so Mehring. Auch auf struktureller Ebene sieht der FW-Politiker erheblichen Nachholbedarf: „Das Zusammenspiel von Bereitschaftsärzten und Kliniken muss sich verändern. Nicht jeder Schnupfen muss in der Notaufnahme behandelt werden, weil etwa bei einem Schlaganfall Minuten zählen.“

Auf den Punkt

Veronika, die am Klinikum Augsburg arbeitet, bringt den schweren Stand ihres Berufs und auch die deutlich schlechte Bezahlung, auf den Punkt: „Im Vergleich zur freien Wirtschaft wird unsere Schichtarbeit kaum honoriert – auch das ist frustrierend. Meine Freundin verdient genauso viel wie ich, nur weil sie studiert hat. Das ist aber erst ihr Einstiegsgehalt. Sie sitzt Montag bis Freitag in ihrem Büro, muss nicht auf Geburtstage, Grillabende, Hochzeiten oder Weihnachten mit der eigenen Familie verzichten. Sie muss nicht nachts ran, kämpft nicht um anderer Leute Überleben, muss nicht Angst haben, dass sie in einer Lache mit HIV- oder Hepatitis-infiziertem Blut steht, bekommt keine Ohrfeige von Menschen im Drogenrausch und muss nicht zusehen, wie junge Leute, Kinder, junge Eltern ihre Angehörigen zurücklassen. Ist das fair????????“

 

+++ KOMMENTAR +++

„Gesundheit!“ sollte man nicht mehr nur Patienten wünschen, sondern unserem Gesundheitssystem selbst. Chronische Unterbesetzung, angeordneter Dokumentationswahn, Demotivation, Resignation und Überarbeitung auf Seiten des Pflegepersonals, verärgerte Patienten und Angehörige und eine scheinbar unaufgeregte Bundespolitik, die den Eindruck erweckt, wieder einmal ein brisantes Thema vor den nächsten (Landtags-)Wahlen so lange unter den Teppich zu kehren, bis man selbst irgendwann wieder darüber stolpert. Problem nicht gelöst, sondern nur verschleppt – der dumme Wähler merkts schon nicht. Nur bitte dann nicht wundern, warum die „Basis“ so wählt, wie sie dann wählt und recht überrascht tun. Der Wähler merkt sich mehr als Sie.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Gesundheitsminister Spahn (CDU) täte gut daran, es besser zu machen als seine Vorgänger: nämlich das ihm zugewiesene Gesundheitsressort vernünftig zu reformieren, anstatt sich Gedanken über zig andere, nicht ihn betreffende Themen, zu machen. Bevor unser Gesundheitssystem zusammenbricht, tun dies eher die, die darin arbeiten. Und die, die die Situation nicht sehen wollen, sind vom und für das Volk gewählt. Leider muss man hier – nicht nur seit der neuen Legislatur – fast schon ärztlich attestieren: Realitätsferne und Unfähigkeit. Bitte gehen Sie doch mal für nur eine Woche (inkognito, damit auch nichts geschönt werden kann) mit den Beschäftigten auf Station. Egal welche – es wird auf allen das gleiche Bild sein, das sich Ihnen bieten wird. Immenser Zeitdruck, mehr Arbeit bei weniger Personal, hoher Dokumentationsaufwand – das sind nur einige wenige Punkte. Reden Sie mit allen – nicht nur mit denen, die das sagen, was Sie vermutlich gerne hören und mit nach Berlin nehmen wollen. Noch wichtiger: Schauen Sie nach angemessener Zeit nach, ob das, was Sie versprochen haben, auch gefruchtet hat. Sonst haben Sie nämlich außer verbrannter Erde und aufgegebenen Hoffnungen nichts erreicht.

Es ist die berühmte Katze, die sich zu Teilen auch in den eigenen Schwanz beißt: Bleibt der Pflegeberuf, gemessen am von den Arbeitnehmern erforderlichen Maß an Flexibilität und Verantwortung, weiterhin so schlecht bezahlt, lässt sich wohl kaum einheimischer Nachwuchs für eine Ausbildung und bereits Ausgelernte künftig für diesen Beruf begeistern. Der Mangel an Bewerbungen, wie im Artikel angesprochen, belegt das schon heute. Auch wenn es viele Entscheider nicht zugeben wollen: Noch immer lindert eine zumindest gerechte Entlohnung bei vielen den „Arbeitsschmerz“ und lässt sie über die ein oder andere Frustration hinwegsehen und auf die Zähne beißen. Zumal gerade in den sozialen Berufen, in denen betroffenen Menschen geholfen wird, der Grund der Berufsausübung viel mehr der ist, dass man anderen helfen konnte. Was denken die Verantwortlichen wohl, wie viel mehr und mit welcher Begeisterung eine Pflegekraft ihren Beruf ausübt, wenn zudem noch die Bezahlung stimmen würde? Ich orakle einmal weniger Fehltage, besseres Betriebsklima, dadurch weniger Personalschwund und vermutlich auch schneller genesene Patienten, denen die „positiven Schwingungen“ sicherlich auch gut tun würden und sich selbst nicht als Last sehen. Das beste Beispiel für die Sensibilität vieler Patienten gibt da das zu Beginn beschriebene aus Günzburg. Wenn Patienten, die selbst sicherlich andere Sorgen haben, scheinbar mehr Feingefühl für die Situation des Pflegepersonals aufbringen, als die große Politik dies tut, dann ist es nicht erst „kurz vor Zwölf“. Dass Patienten sich nicht trauen Pflegepersonal anzusprechen, weil es „immer am Rennen ist und sie nicht stören wollen“… Alleine diese Aussage ist bezeichnend für das, was da vor sich geht.

Kaum noch Personal vorhanden und das, das noch da ist, kommt bei Doppel- oder Dreifach-Schichten auf dem Zahnfleisch daher und wird vollends „verbraten“. Im Traumberuf einst aufgegangen und aufgelebt, muss es sich von Patienten und deren Angehörigen nicht nur beleidigen, sondern zum Teil auch Handgreiflichkeiten und Anspucken gefallen lassen – ist das noch ein „Traumberuf?“. Ganz ehrlich: Ich kann alle, die an diesen Stellen im Gesundheitswesen arbeitet verstehen, wenn sie sich umorientieren. Was aber passiert dann?

Wir werden immer älter und immer mehr. Wer soll uns irgendwann pflegen und versorgen? Dass sich unsere Politikerspitze vermutlich weniger Gedanken machen muss, denn sicherlich hat man hier die Schäfchen der privaten Pflegeversorgung in Berlin im Trockenen, ist mir fast klar. Aber was ist mit uns anderen?  Gut, vielleicht geht der Plan ja auf, alle bis 80 arbeiten zu lassen, um danach möglichst schnell den Löffel abzugeben. So liegt man dem Staat nicht lange auf der Tasche. Wird aber nicht bei allen der Fall sein. Vielleicht sollte man aber auch versuchen, Teile des mittlerweile durch Finanzminister Schäuble angehäuften Sparbergs zum Beispiel in das Gesundheitswesen zu investieren, diese Berufe auch monetär wieder attraktiver zu machen. Die Wirtschaft machts vor und die Politik sieht Unternehemensinvestitionen im eigenen Land doch auch gerne, oder? Aber selbst? Hm. Ist ja nur die Gesundheit.

Die Schuld für die Misere müssen wir in Teilen aber auch bei uns selbst suchen: Können wir es uns wirklich leisten, bei Kleinigkeiten wie Schnupfen oder weil man sich mal eben in den Finger gepiekt hat, in eine Notaufnahme zu gehen? Kann es vielleicht sein, dass man dadurch den echten Notfällen im Wege steht? Stattdessen wundern wir uns, warum es in der Notaufnahme „heute mal wieder länger“ dauert? Sorgen wir in unserem schier grenzenlosen Egoismus auch selbst für diesen Unmut beim Pflegepersonal? Schließlich ist es ja viel einfacher, dort zu sitzen, andere anzumeckern und sich über alles zu beschweren, anstatt sich zuhause ein schlichtes Erkältungsbad einzulassen, mal zu inhalieren, heißen Tee zu trinken und – wie früher – abzuwarten, oder? Ja, auch das würde unserem Gesundheitssystem auf die Sprünge helfen und wirklich wichtigen und brisanten Fällen entgegenkommen. Da hierzulande das eigene Wohlbefinden jedoch stets über dem aller anderen steht, ist es vermutlich nur ein Wunschgedanke, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Sinkende Hemmschwellen was Beleidigungen und körperliche Gewalt gegenüber denen betrifft, die uns eigentlich helfen wollen. Dies ist immer häufiger Thema in den Medien. Davon betroffen sind jedoch nicht nur Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehr am Einsatzort. Auch die, die einem dabei nicht als erstes einfallen: das Pflegepersonal. Traurig: Das Verhalten einiger Bekloppter spiegelt leider den generellen Geist und Trend wider. Das eigene Wohl im Vordergrund, Rücksichtslosigkeit und keinen Funken Einfühlungsvermögen für andere. Wie wäre es stattdessen also mit Verständnis und Dankbarkeit denen gegenüber, die sich mittlerweile jeden Tag aufs Neue motivieren müssen, ihren einstigen Traumberuf auszuüben, die versuchen allem und jedem gerecht zu werden und dabei selbst so viel zurückstecken? Selbst noch dann, wenn die Umstände noch unerträglicher werden und man zusätzlich noch die von Mehring angesprochene „Reise nach Jerusalem“ praktizieren muss.

Persönlich finde ich es schade, dass sich der Großteil der Einrichtungen auch nicht auf mehrfaches Anschreiben und Telefonieren bei uns geäußert haben. Es ging in keinster Weise darum, Einrichtungen „in die Pfanne zu hauen“, sondern um Verständnis bei allen Seiten zu sorgen und wachzurütteln. Die Donau-Ries-Klinik beispielsweise haben wir zwei Mal angeschrieben und zwei Mal versucht die zuständige Person telefonisch zu erreichen – bis heute: nicht einmal eine Rückmeldung. Das erweckt leider den Eindruck, dass man sich entweder schon mit der Situation abgefunden hat oder das Thema versucht „auszusitzen“. Wirklich? Sind Ihnen Ihre Angestellten noch nicht einmal ein Statement zu dem Thema wert? Auch das spricht für sich. Gut, dann melden wir uns eben auf diesem weg hier bei Ihnen. Aus den Mitarbeiter-Reihen hört man, dass sich auch nachdem Landrat Rößle es Medienberichten Ende 2017 zufolge zur „Chefsache“ erklärt hat, nichts oder zumindest nicht viel getan hat. Der Aufnahme-Stopp bei der Bettenbelegung – nur eine kurzzeitige Entspannung. Der übliche unbefriedigende Trott ginge wohl weiter. Gerne hätten wir dazu von Ihnen gehört, leider haben Sie die Möglichkeit nicht genutzt.

Ja, so weit sind wir in Deutschland gekommen. Ich mag es, wie auch die betroffenen Mitarbeiter, schlicht nicht glauben, dass das nur an einer – zugegeben – heftigen Grippewelle liegt und sich nun alles wieder stabilisieren und irgendwie einrenken wird. Viel eher zeigt uns diese Grippewelle doch schockierend auf, woran es schon seit Jahren hakt. Nun wollen auch die nicht mehr, die sich lange haben hinhalten lassen und Nachwuchs ist keiner in Aussicht. Daher kann ich den Verantwortlichen der Gesundheitseinrichtungen, wie Frau Greschner, nur Recht geben, dass die Bundespolitik das Thema „Gesundheit“ zum Top-Thema machen muss, anstatt Monate lang um Ämter in Berlin zu ringen. Die Bürger wollen Ergebnisse sehen.  Sonst sieht man die auch in Berlin, wenn diesen Herbst in Bayern und Hessen Landtagswahlen sind. Und alle wundern sich wieder, warum die „Basis“ so wählt, wie sie gewählt hat. Lernen Sie doch bitte aus der Vergangenheit. Danke.

Wolfgang Prokoph, Inhaber MEITINGEN.TV

Wolfgang Prokoph, Inhaber MEITINGEN.TV